Die Geschichte der BRN von der Gründung bis heute
Die Bunte Republik Neustadt entstand 1990 aus dem Geist des Aufbruchs – und dem Trotz gegen den Wandel. Von einer anarchischen Mikronation mit eigenem Geld und Monarchen entwickelte sie sich zum größten alternativen Stadtteilfest Sachsens. Diese Chronik verzeichnet die wichtigsten Momente dieser 30-jährigen Geschichte.
Im Café Bronxx auf der Alaunstraße entsteht an einem langen Nachmittag die Idee: Eine Gruppe links-alternativer Bewohner, frustriert vom Scheitern linker Parteien bei der letzten DDR-Volkskammerwahl und besorgt über die drohende Vereinnahmung durch den Kapitalismus, beschließt, eine eigene Republik zu gründen. „Die Idee entstand eines Nachmittags in der Bronxx, bei einer Schwatzrunde. Da haben wir das Ding innerhalb von zwei, drei Monaten aus dem Boden gestampft", erinnert sich Gregor Kunz, der erste Monarch der BRN.
Genau eine Woche vor der Währungsunion wird die Bunte Republik Neustadt proklamiert. Die Grenzen werden mit einem weißen Strich auf der Straße markiert: Bautzner Straße – Königsbrücker Straße – Bischofsweg – Prießnitzstraße. An den Eingängen: „Hier beginnt das freie Territorium der Bunten Republik Neustadt." Zahlungsmittel: die Neustadtmark (1:1 zur Ostmark, 1:2 zur Westmark). Die Fahne zeigt Mickey Mouse im DDR-Ährenkranz – eine Verhohnepipelung zweier Symbolwelten. Minister für „Wehrkraftzerfetzung", „Pfuinanzen" und „Unkultur und Unterseeboote" übernehmen feierlich keinerlei Verantwortung.
Die BRN etabliert sich als festes Jahresereignis. Die provisorische Regierung erläßt Dekrete und stellt Pässe aus. Das Fest wächst rasant und zieht Besucher aus ganz Deutschland an. Die BRN wird zum Symbol eines Stadtteils, der sich gegen Spekulation, Mietwucher und Verdrängung seiner Bewohner behauptet.
1993 löst sich die „ordentliche provisorische Regierung" symbolisch auf – sie geht in der Elbe schwimmen, ein doppeldeutiger Verweis auf den damaligen Zustand des Flusses. Das Stadtteilfest aber bleibt.
Die BRN wächst zu einem der bekanntesten alternativen Straßenfeste Ostdeutschlands. Auf Bühnen direkt auf Kreuzungen und in Hinterhöfen spielen Bands aller Stilrichtungen. Straßentheater, Kunstinstallationen und politische Aktionen prägen das Bild. Der Eintritt bleibt immer kostenlos. Entlang der Görlitzer/Rothenburger Straße zieht regelmäßig ein Umzug aus skurrilen, selbst gebauten Fahrzeugen – begleitet von Musik und Tanz.
In den Jahren 2001 und 2002 kommt es zu bundesweiten Negativschlagzeilen: Ausschreitungen zwischen gewaltbereiten Personen aus linken und rechten Szenen erschüttern das Fest. Versuche, die Veranstaltung durch Trägervereine zu organisieren, scheitern. Ab 2002 wird ein neues Modell eingeführt: Kein Gesamtveranstalter mehr – jeder Teilnehmer meldet seine Einzelveranstaltung selbst bei der Stadt an. Ein Modell, das die dezentrale Seele der BRN bewahrt.
Nach dem Verbot von Glasflaschen und einer deeskalierenden Polizeistrategie werden die Jahre 2003 bis 2006 weitgehend friedlich. Die BRN etabliert sich als multikulturelles, offenes Straßenfest. Privatinitiativen ohne kommerzielle Interessen erhalten sich neben wachsenden kommerziellen Angeboten. 2006 erreicht die BRN einen historischen Besucherrekord: Über 150.000 Menschen besuchen das Fest vom 16. bis 18. Juni.
2007 kommt es erneut zu Ausschreitungen: Bei nächtlichen Tumulten werden zwölf Polizisten verletzt. Das Motto des Jahres – „unplugged" – klingt wie ein Programm. In den Folgejahren beruhigt sich die Lage wieder, das Fest findet seinen Rhythmus zurück.
Zum 20. Jubiläum erkennen die Republik Uzupis (Vilnius) und die Freie Republik Schwarzenberg die Bunte Republik Neustadt offiziell an. Die großen Staaten wie Deutschland oder Sachsen tun sich erwartungsgemäß schwerer damit.
Am 12. Dezember 2010 wird das BRN-Museum im Stadtteilhaus Neustadt, Prießnitzstraße 18, eröffnet. Es beherbergt Ausstellungsstücke aus 20 Jahren Geschichte und öffnet jeden ersten Sonntag im Monat seine Türen.
Die BRN findet ihren stabilen Rhythmus als jährliches Fest am dritten Juniwochenende. Nutzungsflächen werden zunehmend nur noch an Anwohner vergeben, um den kommerziellen Anteil zu begrenzen. Besonders die Talstraße bleibt frei von kommerziellen Angeboten und bewahrt ihren traditionellen Charakter als Familienmeile.
Das 25. Straßenfest seit der Gründung wird gefeiert. Die BRN blickt auf ein Vierteljahrhundert zurück – von der anarchischen Mikronation zum fest im Dresdner Stadtteilleben verankerten Kulturfest. Viele Veteranen der ersten Stunde kommen zurück und erinnern sich an die Ursprünge im Café Bronxx.
Das Ordnungsamt führt ein neues Sicherheitskonzept ein: Kreuzungen müssen frei von Bühnen und Verkaufsständen bleiben. Was zunächst als Einschränkung wahrgenommen wird, entpuppt sich als Verbesserung. Die gefährlichen Engstellen rund um die Louisenstraße werden deutlich entlastet. Die Mehrheit der Besucher empfindet es als Gewinn für alle.
2019 findet die BRN zum letzten Mal statt. Tausende feiern gemeinsam – viele ahnen nicht, dass es das vorerst letzte Mal sein wird. Das Fest endet emotional und wird von vielen als würdiger Abschluss einer langen Ära erlebt.
Das 30-jährige Jubiläum muss wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Der Stadtteilhaus Dresden-Äußere Neustadt e.V. gestaltet stattdessen einen dreitägigen Livestream auf YouTube, der drei Jahrzehnte BRN-Geschichte virtuell Revue passieren lässt. Eine Neuauflage von Rio Reisers „Junimond", interpretiert von Neustädter Künstlerinnen und Künstlern, erinnert an den Geist des Festes.
Die BRN findet in diesen Jahren nicht mehr in ihrer traditionellen Form statt. Neue Formate wie das Louisenfest und der Bunte Sommer Neustadt greifen den Geist der BRN auf. Das BRN-Museum in der Prießnitzstraße bleibt geöffnet. Dieses Portal entsteht mit dem Ziel, das Erbe der BRN digital zu bewahren und zugänglich zu machen.
Es gibt Berichte und Hoffnungen, dass die Bunte Republik Neustadt 2026 in irgendeiner Form wiederbelebt werden könnte. Der Geist, der 1990 im Café Bronxx auf der Alaunstraße geboren wurde, lebt weiter – in den Menschen, den Häusern, den Geschichten der Äußeren Neustadt.